hörenswert - Musik am Mittwoch: LENER
Gitarrenlastiger, verträumter Indie in Deutsch und Englisch
Mittwoch, 28. Oktober 2026 | 19:00 Uhr bis 22:00 Uhr
Kulturhaus Alter Schlachthof Soest | 59494 Soest
Die Felder glühen im letzten Licht, ein trockener Wind wirbelt Staub über den Asphalt.
Dort, wo die Stadt aufhört, steht Lener im offenen Scheunentor. Die Fender Strat hängt tief,
die Jacke zu groß, die Augen scharf. Eine Gestalt wie ein Echo aus einer anderen Zeit –
einer, die noch nicht ganz existiert. Aufgewachsen auf einem abgelegenen Hof am Ende
der Stadt Freising, zwischen Waldrand und horizontaler Brache. Viele Jahre dröhnten ihre
verzerrten Gitarren in der leeren Scheune, durch den alten Bretterverschlag in die Einöde.
Nachts zirpte und heulte der anliegende Wald. Auf Suche nach Hexen und Gespenstern schlich
Lener mit ihren Drillingsschwestern durch die Bäume, später auf der Pirsch nach magischem
Material für ihre ersten Songs. Heute streift die 26-jährige mit Sketchbook durch den Wald der
Stadt, den verwunschenen urbanen Orten zwischen Hauptbahnhof und Schwabing. Schon früh
zog es sie in die Zwischenräume – dorthin, wo Worte fließen, Linien verschwimmen und Musik
alles zusammenhält. Die Songwriterin blickt durch den Lärm der modernen Welt auf das tiefe
und teils banale Wesen der Dinge. Ruhig dechiffriert sie die Träume ihrer Freundinnen und
Kommilitonen, in Münchner Cafés und Clubs gesammelte Mosaike aus Selbstgesprächen
einer Generation zwischen Optimierung und Punk. Ihre Outsider-Position ist selbst gewählt
und eine klassische Perspektive der Lyrik: zwischen allen Stühlen, als stoische Beobachterin
vor kollabierenden Gitarrenwänden. Ihre Stimme rollt über die Riffs wie ein langsam aufziehendes
Gewitter, mit Barnetts Lässigkeit und Patti Smiths fiebriger Unruhe. Die Melodien taumeln
zwischen Erschöpfung und Trotz, die Texte sind Skizzen auf zerknülltem Papier – rau, unfertig,
ehrlich. Texte wie kleine Comic-Orakel, geschrieben mit Edding und Herzblut. Dazu glitzert eine
Bildwelt aus Skizzen – düstere, verzweigte Figuren, oft so brüchig und flüchtig wie die Geschichten,
die sie erzählt.
„You’re on the driver’s seat and you’re driving me crazy.“
Ein Satz, so simpel und doch ein ganzer Mythos in sich, gesprochen mit halb spöttischem, halb
verzweifeltem Lächeln. Man sieht es vor sich: Das flackernde Neonlicht auf der Windschutzscheibe,
die verschwommenen Lichter einer Stadt, die sich immer schneller im Rückspiegel verliert.
Ein Beifahrersitz voller Zweifel, eine Hand am Lenkrad, die zu fest zudrückt. Wohin die Fahrt geht?
Egal – Hauptsache, sie rast, Hauptsache, sie fühlt sich an wie etwas, das nicht stillstehen kann.
Leners Songs sind Hymnen auf das, was war, was hätte sein können, und auf den Mut, trotzdem
weiterzugehen. „Maybe in another life“, singt sie, während das Schlagzeug wie eine rasende
Gedankenflut darunter brodelt. Eine Hymne für all die Entscheidungen, die nicht getroffen wurden,
für all die Abzweigungen, die ins Ungewisse führten. Eine Zeile für diejenigen, die nachts wach liegen
und sich fragen, was passiert wäre, wenn… – doch genau darin liegt ihre Kraft: in der Erkenntnis,
dass es egal ist. Dass jede Richtung eine ist, solange sie sich echt anfühlt. Lener singt diese Zeile nicht,
sie schleudert sie sanft dem Universum entgegen, begleitet von Max Wörle, der mit jedem Schlag
auf die Snare eine neue Schneise in den Abend reißt. Ihre Band ist kein bloßes Pop-Beiwerk, sondern
eine pulsierende Maschine aus Rhythmus und Energie, ein Vehikel für das, was gesagt werden muss.
Leners Gitarre knurrt und dröhnt dazu mal mit der Wucht von Josh Homme, mal mit der schrägen
Eleganz von St. Vincent. Grunge war schon immer eine Musik für die Suchenden, für die, die zwischen
Euphorie und Kontrollverlust leben. Und genau dort setzt Lener an – irgendwo zwischen Aufbruch
und Abgrund. So steht sie für eine neue Generation von Songwriter:innen, die Emotionen nicht filtern,
sondern transformieren – in verzerrte Gitarren, brüchige Harmonien und Texte, die nachhallen wie ein
Echo aus einer längst vergangenen Zukunft. Die Straße wird immer schmaler. Die Motoren heulen auf.
Und dann? Dann kommt der nächste Song.
Eintritt frei!
Veranstalter:
Kulturhaus Alter Schlachthof Soest